Der Moment, in dem alles kippte
Erik drehte sich langsam zu Hajo um. Der Druck hinter seinem Ohr wurde immer stärker. »Was zum Teufel ist das?« »Ich hab so ’ne Ahnung.« »Der dämliche Selbstmordattentäter?« »War wohl doch nicht so dämlich. Die haben uns beim Einsatz verarscht.« »Lass uns den Stabsoffizier fragen!« »Schaden kann’s ja nicht. Ich glaub nur nicht, dass er uns was sagt.« Gegen jede Wahrscheinlichkeit wurden sie zum Stabsoffizier durchgelassen. Er hatte ein Cognacglas in der Hand und wischte sich ständig durch seine paar Haare. »Ich mach es kurz. Inzwischen ist es bestätigt: Ihr zwei seid die einzigen Überlebenden des Syrien-Einsatzes.« Erik schluckte. Sein Kopf schien zu explodieren. »Was ist passiert?« »Die Syrer haben auch eine Biowaffe abgegeben, von der nur die Amerikaner wussten. Die Geheimhaltung sollte absolute Sicherheit garantieren. Na ja, der Attentäter wusste genau Bescheid. In dem Lkw, mit dem er sich in die Luft gesprengt hat, waren die Behälter mit dem Virus.« »Was für ein Virus?« Hajos Stimme zitterte. Er brachte kaum die Wörter raus. »Ein künstlich mutiertes Masern-Virus. Bisher gibt es kein bekanntes Gegenmittel. Auch keine Impfung.« »Welche Gebiete sind betroffen?« Hajo hatte sich wieder gefasst. »Ausgenommen Russland, Australien und China ist das Virus tatsächlich bereits überall. Wir haben Order, betroffene Orte vollständig zu säubern.« »Das ist nicht Ihr Ernst!« Erik wollte nicht glauben, was er gehört hatte. »Da sie beide erwiesenermaßen immun sind, werden Sie die Säuberungsaktionen leiten.« »Auf keinen Fall!« Erik schnaufte, seine Brust zog sich immer enger zusammen, sein Kopf drohte zu platzen. »Erik! Es ist eine Chance.« Hajo sah in dem Auftrag die Möglichkeit, die Ausbreitung des Virus’ zu stoppen. So aufgebracht er am Anfang des Gesprächs war, so ruhig war er jetzt. »Wird dieser Befehl weltweit gegeben?« »Ja, nur so kann es funktionieren. In einer Stunde bekommen Sie weitere Befehle. Abtreten!« Auf dem Weg in ihre Stube redete Hajo unun- terbrochen auf Erik ein: »Verdammt, siehst du es nicht? Der Irre hat mit seinem Attentat die ganze Welt ins Wanken gebracht. Wir haben jetzt eine Möglichkeit, die ganze Scheiße zu stoppen.« »Indem du Familien tötest, Kinder umbringst?« »Vielleicht rette ich meine Familie dadurch! Verdammt, ich brauch dich dabei. Du bist der Einzige, auf den ich mich verlassen kann. Wie oft hab ich dir den Arsch gerettet?« »Oft genug. Aber ich werde nicht losziehen und Kinder killen.« »Erik, ich bitte dich nicht, ich verlange es von dir! Für alles, was ich für dich getan habe.« Erik blieb stehen. Er schaute Hajo in die Augen. »Ich kann nicht. Es ist nicht richtig.« »Richtig! Es ist nicht richtig, meine Familie zu retten? Wenn ihnen etwas passiert, wirst du Schuld sein!« Hajo verlor völlig die Fassung. Erik schaute ihn traurig an. »Tut mir leid.« Dann drehte er um und stiefelte in Özdems verlassenes Dojo. In dem Versteck hinter der Koreaflagge fand er, was er gesucht hatte: ein Foto und die Adresse von Özdems asiatischen Trainer. Mit etwas Glück würde er seinen Freund dort treffen. Er verließ das Dojo durch den Hinterausgang, ging immer weiter, raus aus dem Lager, vorbei am Shamrock, rein in den Wald und ging und ging und ging. Erik wurde nicht einmal aufgehalten auf dem Weg, sein gewohntes Leben zu beenden.
Zwischen Stadt und Horde
Es dauerte bis zum nächsten Morgen. Kurz nach Sonnenaufgang war das Lager verlassen und ich auf dem Weg zurück zu meinen Kameraden. Unterwegs fing ich mir auf die Schnelle ein paar fette Mäuse, was ziemlich leicht war. Die kleinen Nager rechneten am helllichten Tag nicht mit mir. Durch Odin wusste ich, dass mein Team noch auf dem Gehöft war. Ich brauchte nicht lange, bis ich sie erreicht hatte. Als ich auf dem Hof ankam, saßen alle beim Mittagessen zusammen. »Wir sind eure einzige Chance«, erklärte Erik gerade. »Mit uns könnt ihr es bis in die nächste Stadt schaffen. Glaubt mir, alleine wird euch die erste Rokhorde erledigen.« Der alte Mann sackte sichtlich zusammen. »Ich weiß!« Traurig schaute er sich in seinem Haus um. »Wir sollten gleich aufbrechen. Jetzt, da unser Kundschafter zurück ist, können wir den Roks ausweichen.« »Euer wer?« Der alte Mann schaute Erik fragend an. »Der Kauz. Unsere Augen und Ohren. Er ist völlig lautlos. Das müsst ihr nicht verstehen.« Bei dem Lob plusterte sich mein Gefieder von ganz alleine auf. »Gut. Helen, pack noch was zu essen ein! Wir starten sofort.« Eine neue Energie schien den Alten zu packen. »Die nächste Stadt ist knapp zwei Tage Fußmarsch entfernt – Nürnberg.« Fünfzehn Minuten später waren wir unterwegs. Wir hielten uns jetzt leicht südlich. Dadurch befanden wir uns nicht mehr in gerader Linie hinter Hajo. Ich konnte förmlich spüren, wie Erik ob diesem Zeitverlust mit den Zähnen knirschte. Doch er konnte die Leute nicht ihrem Schicksal überlassen. Während wir die Familie nach Nürnberg begleiteten, verschwand Hajo im Bayerischen Wald. Der erste Tag verstrich zäh. Nichts passierte. Der alte Mann hielt das Tempo erstaunlich gut durch. Der nächste Tag sollte nicht so ruhig werden. Eriks Stimmung wurde immer düsterer. Kurz bevor wir Nürnberg erreichten, bemerkte ich die große Horde Roks. Sie lauerte zwi- schen der Stadt und uns. Erik entschied, die Stadt zu umgehen. Noch mehr Zeitverlust. Seine Stimmung sank weiter. Giada atmete tief durch. Sie hatte befürchtet, Erik hätte sein Gehirn vollständig abgeschaltet und versucht, sich einfach durch alle Roks durchzukämpfen. Wir brauchten zwei Stunden, um die Horde zu umgehen. Inzwischen brannte die Sonne am Himmel. Ich sehnte die Nacht herbei. Meine Augen tränten, und mir war heiß. Ich war vom Selbstmitleid so abgelenkt, dass ich fast an einer kleinen Gruppe Roks vorbeige- flogen wäre. Ich kehrte zu meinen Gefährten zurück. »Wir kämpfen uns durch.« Erik lief beim Reden hin und her. Man erwartete fast, Rauch aus seinen menschlichen Nüstern aufsteigen zu sehen. »Ich kann keine Zeit mehr vergeuden.« Odins Grollen klang wie Zustimmung. »Dann lass sie uns wenigstens von zwei Seiten angreifen.« Giada wollte kein unnötiges Risiko eingehen. Apropos Giada; ich hatte immer noch nicht verstanden, warum sie uns begleitete. Allerdings erinnerten mich die Blicke, die sie Erik zuwarf, wenn er nicht hinschaute, intensiv an Lea und die Blicke, mit denen ich sie bedachte. »Ihr bleibt hier in Deckung«, wies Erik den Alten an. Der nickte nur. »Seid bitte vorsichtig!«, bat seine Tochter und drückte ihr Kind an sich. Giada zog ihr Schwert und begann, leise ein Lied zu singen. Sofort fingen die Runen auf der Klinge an zu leuchten. »Giada – du von links. Ich komme von rechts. Odin greift frontal an. Zach passt auf, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.« Schon mit dem letzten Wort schoss Erik los. Auch Giada verschwand im Unterholz. Sie bewegte sich so anmutig wie Erik kraftvoll. Odins Verschwinden war völlig lautlos. Ich flog los. Um meinem Team den Rücken zu decken. Die Roks hatten keine Chance. Wie ein Truck krachte Erik in ihre Flanke. Auf der anderen Seite fegte Giadas durch ihr Singen gestimmtes Schwert Köpfe von missgebildeten Schultern. Vier Roks brachten sich Rücken an Rücken gegen Giada und Erik in Stellung, als Odin wie eine Naturgewalt über sie kam. Die Schwerter zum Kampf erhoben, waren sie unterhalb der Rippen völlig schutzlos. Als Giada und Erik eingreifen wollten, hatte Odin sie bereits völlig zerfetzt. Ich flog weiter Kreise, konnte aber keine weiteren Mutanten entdecken. Gemeinsam kehrten wir zu der Familie zurück. Es wurde nicht viel gesprochen. Wir bra- chen sofort auf und eilten auf die Nürnberger Innenstadt zu. »Such Menschen!«, befahl mir der Hund. Mit einem beinahe menschlichen Seufzer machte ich mich auf. Vorsichtig flog ich zwischen den Häusern durch. Da, eine fette Maus. Drängend machte sich mein leerer Magen bemerkbar. »Vergiss es!« Odin war für die Suche noch mental mit mir verbunden. »Auf die Minute wäre es doch nicht angekommen.« Übellaunig flog ich weiter. Nahe einer großen Kirche fand ich mehrere bewohnte Häuser. Odin rief mich sofort zurück. Er würde Erik vermitteln, wo die Menschen waren. Erik konnte es dann dem alten Mann erklären. Beim Rückflug ließ ich es mir nicht nehmen, ein paar fette Mäuse zu fangen. Schließlich kann man hungrig nicht vernünftig kundschaften. Als ich ankam, war die Familie bereits zur Stadt aufgebrochen.




Verführung im Geäst
»Kommst du?« Lea drängte. Ich beschleunigte und jagte in vollem Tempo hinter ihr her. Keinesfalls sollte sie denken, ich sei eine lahme Ente. An ihrem Bau angekommen, bremste sie mich dann aus. »Ich hab noch Hunger, Zach. Fängst du mir ein paar Mäuse?« Dabei schmiegte sie sich eng an mich. Die nächste Stunde verbrachte ich mit Jagen. Ich brachte ihr sieben Mäuse. Jetzt ließ sie mich in ihr Nest! Frustriert schaute ich sie an. Da lag meine Lea, tief und fest am Schlafen. Ich kuschelte mich ganz nah an sie ran. Schnell schlief auch ich ein. Als ich aufwachte, schnitt mir ein stechender Schmerz durch den Kopf. Gleichzeitig schien Lea zu flimmern. Egal! Ich war einfach nur glücklich, in ihrer Nähe zu sein. Als Lea aufwachte, fragte sie gleich nach Futter. Sofort flog ich los. Maus auf Maus endete in meinen Krallen. Die Haselmauspopulation war am Aussterben. Erst als ich völlig erschöpft war, gab sich Lea zufrieden. Jetzt war mir nach einer Belohnung. Trotz Erschöpfung begann ich zu balzen. Und wieder enttäuschte Hoffnung! Offensichtlich satt, zeigte mir meine Angebetete die kalte Schulter. So ging es den ganzen Tag weiter. Ich ließ mich dadurch nicht entmutigen. Bei manchen Weibchen dauerte es halt länger, sie zu erobern. Zur Dämmerung wollte ich mich wieder an sie kuscheln. Aber sie schrie plötzlich ganz jämmerlich auf. Alles flimmerte. Ich konnte sie kaum noch erkennen. Panik stieg in mir auf. »Lea, was ist!?«, schrie ich. Was passierte mit meinem Engel? Ihre Schreie wurden immer lauter. Ihr Körper verformte sich. Jämmerlich fiepte ich mit. »Zach!«, dröhnte es in meinem Kopf, »komm zu dir!« »Häh?«, antwortete ich wie ein Depp. Was war das überhaupt für eine Stimme? »Zach!« Lauter diesmal. Mein Kopf wollte platzen. Und Lea? Lea sah jetzt aus wie der verdammte Feuervogel. Nur kleiner. Was war hier los? Die Panik krallte mich wieder. »Lea!«, schrie ich. »Das ist nicht Lea!« Wieder diese verfluchte Stimme in meinem Kopf. Die musste da raus. Kraftvoll schlug ich meinen Kopf gegen den Ast. Und ... fing an zu taumeln. Es half nichts. Die Stimme blieb. »Komm endlich zu dir, Zach, verfluchter Vogel!« »Lass mich in Ruhe, Odin!« Odin? Wo kam denn der Hund jetzt her? Und was war mit Lea? »Endlich, Zach. Deine kleine Freundin war nie hier. Was da im Nest sitzt, ist des Feuervogels Junge. Und du fütterst es die ganze Zeit.« Ich schüttelte mich. Vor mir saß wirklich ein kleiner Feuervogel. »Hast du es kapiert?« Odins Stimme klang ungeduldig. Ich schaute mich um. Unter mir hatten sich meine Gefährten versammelt. Odin stand auf dem Rücken des Feuervogels. An dessen Kopf bildete sich eine riesige Beule. Giada ließ grinsend eine selbstgebaute Schleuder ums Handgelenk kreisen. »Was ist mit mir passiert?«, wollte ich von Odin wissen. »Das Vieh hier unter mir hat deine Gedanken manipuliert, damit du seine Brut fütterst. Hatte ich dich nicht vor ihm gewarnt?«
Wenn selbst der Boden bebt
Odin hatte sich in der Mitte der Halle positioniert. Dort hatte er maximale Bewegungsfreiheit. Auch Erik hielt jetzt sein Schwert in der Hand. Ganz gegen die Gewohnheit der Roks stürmten sie nicht planlos auf meine Gefährten zu, sie kreisten sie ein und hielten Abstand. Odin duckte sich zum Sprung. Die Roks auf seiner Seite sprangen auseinan- der. Dabei entfalteten sie ein Stahlnetz, das sich über den Hund legte. Sofort blockierten sie die Ränder des Netzes mit ihrem Körpergewicht. Odins Wut sprengte mir fast den Schädel. Die Roks an den Netzkanten wurden kräftig durchgeschüttelt. Es gelang ihnen aber, das Netz an im Boden eingelassenen Haken zu befestigen. Ragur bewegte sich auf Odin zu. Das Toben des Hundes wurde noch wilder. Das Netz hielt. Der riesige Mutant war von Odins Toben völlig unbeeindruckt. Seine Leute zogen das Netz straffer. Ragur stand nun in Schlagreichweite zu Odin. Mit einer Hand hob er sein grobes Schwert über seinen Kopf und ließ es mit aller Macht auf Odin niederkrachen. Ich konnte nichts tun! Das zerfurchte Schwert der Kreatur schlug auf Eriks feingeschmiedete Waffe. In letzter Sekunde war es dem Menschen gelungen, in Ragurs Nähe zu kommen. Der Hieb prellte ihm fast seine Waffe aus der Hand. Ragur brüllte vor Wut. Mit übermenschlicher Gewalt wirbelte sein Schwert auf Erik zu. Und traf ins Leere. Erik wich zurück. Er lockte Ragur von dem gefangenen Hund weg. In seiner Raserei bemerkte der Rok davon nichts. Zeitgleich kämpfte sich Giada von der anderen Seite auf Odin zu. Die Runen ihres Schwertes verbreiteten ein gleißendes Licht. Es war das erste Mal, dass ich ihre Waffe vollkommen gestimmt sah. Kriegerin und Schwert bildeten eine tödliche Einheit. Giada bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit. Doch ihre Gegner waren keine normalen Roks. Diszipliniert bildeten sie eine Formation, um gegen die Schwertkämpferin vorzugehen. Bisher war erst ein Rok gefallen. Giada nahm die Herausforderung an, stieß blitzschnell vor, tötete dabei einen Mutanten und ging sofort wieder in Defensivstellung. Von ihrem Schwert erkannte ich nur noch Lichtblitze. Und Giadas Taktik ging auf. Trotz ihrer Disziplin hatten die Roks Odin aus den Augen verloren. Ohne das zusätzliche Gewicht der Roks auf den Rändern des Netzes konnte sich der Hund befreien. Der Laut, den er beim Angriff ausstieß, ließ meinen Körper fast zu Eis erstarren. Fast derselbe Laut kam von Erik aus der an- deren Seite der Halle. Dann zerbarst die blockierte Falltür, und weitere zwanzig Roks fluteten den Raum und stürzten sich mit triumphierendem Gebrüll auf den Hund. Giada kämpfte inzwischen mit dem Rücken zur Wand. Keine Möglichkeit, weiter zurückzuweichen. Das Triumphgeschrei der Roks wandelte sich in Schmerzensschreie. Odin war wie entfesselt. So hatte selbst ich ihn noch nicht kämpfen sehen. Kaum eine Minute war um, als von der Verstärkung der Roks nur noch blutige Eingeweide und verstreute Körperteile übrig waren. Und Erik? Erik war in einem verbissenen Kampf mit Ragur verwickelt. Einer von Ragurs Leuten hatte sein Schwert quer über Eriks Rücken geschlagen. Der Rok lag jetzt kopflos auf dem Boden, aber Eriks Wunde blutete heftig. Ich flog näher. Vielleicht konnte ich mit meinen Krallen Ragurs Augen erwischen. Nein! Keine Chance, an den wirbelnden Schwertern vorbeizukommen. Das gelbe Leuchten hatte in Eriks Augen Einzug gehalten. Er lächelte. Mit jeder Sekunde wurden seine Schwerthiebe härter, wilder. Der Schnitt über seinen Rücken hätte ihn eigentlich jede Sekunde umfallen lassen müssen. Ragur prellte ihm die Waffe aus der Hand. Das gelbe Licht in Eriks Augen fing an zu glühen. Ragur holte zum tödlichen Schlag aus.